4. August 2005 / mm

Maria Musall - von der Ersatzkämpferin in die Weltspitze

Bayerische Athletin aus Hersbruck holt Silbermedaille bei den World Games

Duisburg - alle vier Jahre finden die World Games der nicht-olympischen Sportarten statt, bei dem auch unsere Kampfkunst Karate vertreten ist. Dieses Jahr war Deutschland mit der Stadt Duisburg das ausrichtende Gastgeberland. Qualifiziert sind hier nur die besten Sportler aus aller Welt, die einen Weltmeistertitel oder Kontinentalsieg verzeichnen können. Da vereinzelt Athleten nicht angereist waren, konnte Deutschland die Lücken mit unseren Sportlern schließen. Nachdem Maria Musall auf der diesjährigen Deutschen Meisterschaft eine Silbermedaille erkämpfen konnte, wurde sie neben Julia Gehring für die World Games in der Gewichtsklasse -60kg nominiert.


Mit Maria´s schnellen Fußtechniken erkämpft sie sich schnell großen Respekt.
Foto: Melanie Müller

Schon diese Nominierung allein war für Maria eine große Ehre, aber hier auch noch ganz vorne mitzumischen, hätte sie sich vorher wahrscheinlich nicht träumen lassen. Am zweiten Wettkampftag der World Games startete die Disziplin mit ihrer Gewichtsklasse. Die Hersbruckerin war jedoch nicht allein, denn ein kompletter Bus mit bayerischen Fans ist extra angereist, um ihre Maria kämpfen und letztendlich sogar siegen zu sehen. Die Aufregung stand ihr ins Gesicht geschrieben, jedoch bewies sie in ihren Begegnungen eiserne Nervenstärke. Bereits in der ersten Runde gegen Australien zeigte sie in den ersten Sekunden der Kampfzeit mit einem exakten Mawashi-Geri (Fußstoß zum Kopf) wie stark sie ist. Ihre Gegnerin konnte ausgleichen, aber Maria setze ihren blitzschnellen Fußstoß erneut an und bekam wiederum 3 Punkte zugesprochen. So konnte sie mit 6:4 ihren ersten Kampf für sich entscheiden.

Spannend wurde es in der zweiten Begegnung gegen Danielys Nunez (Panamerikanische Meisterin aus Venezuela). Hier gab es bis in den letzten Sekunden keine wertbare Technik. Maria versuchte ihre Chance mit einem Fußtritt, wurde wegen Kontakt verwarnt und ihre Gegnerin erhielt einen Punkt. Maria gab nicht auf und konnte diesen Rückstand noch ausgleichen. In der letzten Sekunde setzte sie noch eins drauf und holte den entscheidenden Punkt für den Sieg. Als nächstes wartete mit Peric, der Weltmeisterin von 2002, ein harter Brocken. In dieser Begegnung reichte es nicht für einen Sieg und Maria verlor knapp mit 2:1. Da sie jedoch in ihrem Pool bereits 2 Siege für sich verzeichnen konnte, kam sie ins Halbfinale, wo die japanische Asiameisterin auf sie wartete. Maria war von der gesamten Stimmung in der Halle begeistert: "Die waren alle total super, jedes Mal wenn ich auf die Matte bin, wurde es richtig laut. Das war echt der Wahnsinn. Während dem Kampf habe ich aber davon nichts mehr mitbekommen. Ich weiß nur noch dass es z.B. beim Kampf gegen die Japanerin total laut war, da muss die Halle echt gebebt haben!"

Und die Halle hat wahrlich gebebt, denn dieser Kampf war wohl der spannendste überhaupt. Beide Kämpferinnen brannten ein regelrechtes Feuerwerk an Techniken ab und die Führung wogte hin und her. Ein nerven zerreisendes Halbfinale, in dem auch die Zuschauer mit lautstarken Anfeuerungsrufen alles gaben. Zur Hälfte der Kampfzeit stand es 4:4, dann 6:6, zeitweise führte die Japanerin, Maria konterte und glich wieder aus. Es stand 8:8, Maria konterte erneut und ging mit 9:8 in Führung. Plötzlich schaffte es die Hersbruckerin einen sauberen Ura-Mawashi-Geri anzusetzen und hatte nun mit 12:8 einen großen Punktevorsprung. Die Japanerin geriet in Zeitdruck, griff mit Ushiro-Geri an und traf Maria hart in den Magen. Letztendlich holte die Asiameisterin diesen Punktevorsprung nicht mehr auf und Maria siegte in diesem begeisterten Kampf mit 12:11 (!) Punkten. Es stellte sich später heraus, dass sie die einzige deutsche Finalistin an diesem Tag war.


Bundestrainer Antonio Leuci vermittelt Maria letzte taktische Hinweise.
Foto: Melanie Müller

Ihren Einzug ins Finale konnte Maria noch gar nicht recht wahrnehmen und war bereits zu diesem Zeitpunk überglücklich. "Ich muss mich nun erstmal bei meinen bayerischen Fans bedanken und dann meinen Landestrainer Gerhard anrufen!"

Nachdem sich Perec im zweiten Halbfinale durchsetzen konnte, kam es in diesem Finale zu einer Neuauflage der Begegnung der Vorrunde. Maria begann hochkonzentriert mit schnellen Zukiangriffen zum Kopf und wollte so ihre Gegnerin aus dem Konzept bringen. Diese bewies jedoch ihre herausragende internationale Klasse und konterte Maria zweimal aus und ging so 2:0 in Führung. Als Maria der längstverdiente Anschlusstreffer mit einem perfekt getimten Jodan-Zuki gelang, begannen die Zuschauer zu toben. Hochmotiviert griff Maria erneut mit einem Jodan-Zuki an, traf Perec dabei zu hart und musste einen Kaikoku, verbunden mit einem Punkt für Perec, hinnehmen. Damit schien Sekunden vor Schluss eigentlich alles schon gelaufen. Doch Maria bewies ungeheueren Kampfgeist und versuchte noch mit einem Jodan-Mawashi-Geri zum Erfolg zu kommen. Unmittelbar vor dem Schlussgong gelang ihr tatsächlich wie aus dem Nichts dieser Fußstoß, den Perec zwar leicht mit der Hand noch abblocken konnte, der aber trotzdem wertbar gewesen wäre. Ein Seitenkampfrichter zeigte dafür auch eine Sanbon - Wertung (3 Punkte) während der andere Kampfrichter auf "zu schwach" entschied. Für einen Augeblick sah es so aus, als ob der Hauptkampfrichter den Sanbon geben wollte, entschied sich allerdings dann doch noch anders. Bange, Augenblicke für Perec, die sichtbar erleichtert die Entscheidung aufnahm. Auch die Zuschauer glaubten ein paar Sekunden an diese absolute Sensation, zollten aber fairerweise beiden Kämpferinnen Applaus für diese tolle Finalleistung.


Maria (links) - glückliche World-Games Vize-Meisterin.
Foto: Melanie Müller

Damit hat sich Maria sozusagen von "0 auf 100" in die Weltspitze etabliert. Zugleich ist dies der bisher größte Erfolg im Leistungssport des BKBs. Noch nie holte ein bayerischer Athlet oder Athletin eine Medaille bei den hochrangigen World Games. Die Hersbruckerin konnte diese Ereignisse noch gar nicht fassen. Alle bayerischen Karatekas sind stolz auf ihre Maria von der wir auch in Zukunft sicher noch so manche positive Überraschung erleben werden.

Melanie Müller,
Medienreferentin des BKB

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World Games in Duisburg - Zuschauerbericht von Sonja Liebscher

Um 9 Uhr kamen wir in Duisburg an. Dort wurden wir von einer fröhlichen Maria im Deutschland- Trainingsanzug empfangen. Ich konnte mir diese Fröhlichkeit nur mit dem Grund ihres Aufenthaltes hier in Duisburg erklären. Obwohl… So manch anderer würde vor Aufregung ganz ruhig sein und keinen Ton herausbringen... Oder war alles nur Fassade? Was auch immer. Es sollte wirken. Wir hatten gerade noch zu einem Small-talk Zeit, ehe Maria in der Aufwärmhalle verschwand.

Um ca. 11.30 Uhr starteten die Kumite-Wettkämpfe. Noch ehe eine ihrer Kontrahentinnen zu sehen war, sprang Maria schon auf der Kampffläche herum. Ganz locker und lässig schlug sie sich warm, stolz den Bundesadler auf der Brust. Oder war dies nun doch ein Zeichen der Aufregung? Ich jedoch war bereits zu diesem Zeitpunkt meinem ersten Aufregungs-Tod sehr nahe… Angesichts der Hochkaräter, die Marias Gegner darstellten, wünschte ich mir insgeheim, sie würde wenigstens einen Kampf gewinnen. Doch ich hatte ja keine Ahnung…

Die etwa 30 mitgereisten, eingefleischten Maria-Fans brüllten sich ab dem ersten Hajime die Seele aus dem Leib als das Spektakel dieses Tages seinen Lauf nahm. Schon nach 2 Sekunden Kampfzeit zeigte die Anzeigetafel 3:0 für Maria. Mawashi-jodan! Unglaublich! Während sich die Fans von diesem Start noch erholen mussten - natürlich mit lautstarkem Lärm - wachte unterdessen auch Marias Gegnerin auf. Diese war keine geringere als die erfolgreichste Karateka Australiens Natasha Hardy, die in den letzten beiden Jahren sowohl in Kumite als auch in Kata in Australien und Ozeanien alles gewonnen hatte. Ausgleich 3:3. Doch Maria, nicht mal angekratzt von deren Aufbäumen, brachte einen weiteren Sanbon an. So, als wenn es nichts Leichteres auf dieser Welt gäbe… Der Endstand hieß schließlich 6:4 für Maria. Die Zuschauerränge brodelten, sodass es in der anfangs eher kühlen Halle schlagartig sehr, sehr heiß wurde. Und mir wurde zu diesem Zeitpunkt klar, dass ich mit meiner Hoffnung eines gewonnenen Kampfes auf die alte Maria gesetzt hatte. Aber dies war eindeutig eine neue Maria. Eine, deren Leistungsvermögen ich nicht einmal erahnen konnte…


Der T-Kader des DKVs feuert die deutschen Athleten kräftig an.
Foto: Melanie Müller

So wurde uns Fans in der Zwischenzeit klar, dass Maria bei einem weiteren Sieg ins Halbfinale einziehen würde… Vollkommender Wahnsinn, hätte ich vor diesem Tag gedacht. Wie gesagt, VOR diesem Tag. Denn Maria gewann auch ihren zweiten Kampf. Diesmal 2:1 und diesmal gegen die Panamerika-Meisterin Danielys Nunez aus Venezuela. 2:1, ein Ergebnis, dass mich den nächsten Aufregungs-Tod an diesem Tag kostete. Und es sollte nicht der letzte sein…

Im letzten Vorrundenkampf traf Maria auf ihre internationale "Dauergegnerin" und Weltmeisterin von 2002 Snezana Peric aus Serbien-Montenegro. Gegen die hat Maria wohl schon fast so oft gekämpft, wie gegen mich. Und wir wohnen nur 50 km auseinander… Traditionell ging es in dieser Begegnung knapp zu. Am Ende der 2 Minuten hieß es 0:1. Maria zog damit als Gruppenzweite ins Halbfinale ein. Man muss sich das mal auf der Zunge zergehen lassen: HALBFINALE! Bei den World Games!

Nebenbei haben wir auch den zweiten Pool beobachtet. Und was wir da sahen, gefiel uns überhaupt nicht. Gruppenerste wurde dort die Asien-Meisterin Yuko Takahashi aus Japan. Diese kämpfte, wie alle Japaner äußerst unorthodox jedoch sehr effektiv. Das heißt im Klartext, Kopf runter und auf alles draufhauen, was vor die Fäuste kommt. Wodurch ihre Gegnerinnen reihenweise auf der Matte lagen. Hoffentlich macht die unsere Maria nicht kaputt, dachte ich mir noch. Doch nicht jetzt, nach diesen super Kämpfen noch ne Verletzung einstecken… So sah ich der Begegnung mit gemischten Gefühlen entgegen. Doch wieder mal hatte ich die Rechnung ohne die neue Maria gemacht…


Die ausverkaufte Halle in Duisburg mit einem stimmungsvollen Publikum.
Foto: Melanie Müller

Denn Maria kämpfte. Und wie. Auf ein Neues erkannte ich sie nicht wieder. Das sollte die gleiche Maria sein, die ich früher ab und zu auf Meisterschaften geschlagen hatte? Aber wie schon gesagt, das hier war die neue Maria. Und die ging gegen die Japanerin in Führung. Diese glich aus. Wieder ging Maria in Führung. Die Japanerin glich wieder aus. Und man stelle sich das im Sekunden-Takt vor! Und wir Fans konnten die Anzeigetafel nicht sehen! Gut, die Punkte konnten wir mitzählen - zumindest anfangs - aber wie lang dauerte denn der Kampf noch? Irgendwann reichten die Finger nicht mehr und wir wussten auch den Punktestand nicht mehr. Wir wussten nur, dass Maria ganz knapp führen müsste und dass wir so laut schreien mussten, wie wir nur konnten. Kurz vor Schluss wieder ein Sanbon für Maria. Doch die Japanerin holte auch diese Punkte auf. Allein in diesem Kampf bin ich 23 Tode gestorben. 23, das war die Anzahl der Punkte, die in diesem Wahnsinnskampf vergeben wurden. 12 für Maria! und 11 für die Japanerin. Das bedeutete "Finale, oho! Finale, ohohoho!". Maria hatte den ganz großen Wurf geschafft. Und glaubt mir: diese zum Sieg hochgerissenen Arme und dieses über beide Ohren strahlende Gesicht werde ich nicht so schnell vergessen!!!

Wie es sich für eine neue Maria gehört, vertrieb sie sich die Zeit bis zum Finale am Abend mit einer neuen Aufgabe: Autogramme schreiben… Ich hab mir auch eins geholt, ätsch ;-)

Ja, und dann kam das Finale. Und wieder gegen Peric. Und wieder ging es knapp zu. Beim Stand von 1:3 gelang Maria in der Schlusssekunde ein Mawashi-jodan. Und als auch noch ein Seitenkampfrichter Sanbon anzeigte waren wir nur endgültig kurz vor dem Kollaps. Doch zu früh gefreut. Die anderen beiden Seitenkampfrichter hatten die Technik nicht gesehen und der Hauptkampfrichter entschied sich unter lauten Protestrufen gegen Maria. So ging das Finale mit 1:3 verloren. Doch die Silbermedaille hatte sich Maria somit erkämpft. Und die Freude über diesen Erfolg kam nach anfänglicher Enttäuschung nach ein paar Minuten wieder zurück. Und als zur Krönung bei der Siegerehrung auch noch die deutsche Flagge für Maria gehisst wurde… Einfach nur irre, sag ich euch!!!

Ich denke, ich spreche hier für alle, die an diesem Tag mit in Duisburg waren. Danke Maria, für diesen geilen Tag !!!

Sonja Liebscher

Ingo @verdunk
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